Konstruktion einer Gestalt – Der Teufel als kunsthistorische Figur

 

Im westfälischen Mettingen widmet sich die Draiflessen Collection in ihrer aktuellen Ausstellung einem Motiv, das über Jahrhunderte hinweg religiöse Lehre, moralische Imagination und künstlerische Fantasie gleichermaßen geprägt hat. Unter dem Titel Der Teufel – Mythos, Macht, Mysterium entfaltet der Studiensaal der Sammlung eine kulturhistorische Annäherung an jene Figur, die wie kaum eine andere zwischen Furchtbild und Faszinationsgestalt changiert.

Die Ausstellung setzt bei einer grundlegenden Beobachtung an: Die biblischen Schriften liefern keine eindeutige visuelle Vorlage für das Erscheinungsbild des Teufels. Das heute geläufige Bild mit Hörnern, Klauen, Flügeln oder verzerrter Physiognomie ist vielmehr das Ergebnis eines jahrhundertelangen ikonographischen Prozesses. Die Gestalt des Teufels ist damit weniger Ursprung als vielmehr kulturelle Konstruktion.

Anhand ausgewählter Druckgrafiken und historischer Blätter aus der Sammlung zeichnet die Ausstellung die Entwicklung dieser Bildform nach. Von frühen Buchillustrationen über barocke Kupferstiche bis hin zu neuzeitlichen Darstellungen wird sichtbar, wie wandelbar die Figur war und wie stark sie von theologischen Debatten, gesellschaftlichen Umbrüchen und moralischen Ordnungsvorstellungen geprägt wurde.

Der Teufel erscheint dabei als hybrides Mischwesen, als gefallener Engel oder als grotesk überzeichnete Fratze. Jede Epoche entwirft ihr eigenes Bild des Bösen und projiziert in diese Figur kollektive Ängste ebenso wie soziale Spannungen. Die Ausstellung macht deutlich, dass das vermeintlich „traditionelle“ Teufelsbild ein historisch gewachsenes Konstrukt ist, das sich fortwährend verändert hat.

Zugleich wird erkennbar, dass Teufelsdarstellungen weit über die reine Illustration religiöser Inhalte hinausgingen. Sie erfüllten eine moralpädagogische Funktion, indem sie das Böse anschaulich verkörperten und vor dessen Konsequenzen warnten. Darüber hinaus bot die Figur Künstlerinnen und Künstlern einen erweiterten gestalterischen Spielraum. Das Monströse und Hybridische erlaubte formale Experimente innerhalb ansonsten klar geregelter Bildprogramme.

Die Draiflessen Collection verfolgt mit dieser Ausstellung ihren Anspruch, kulturhistorische Themen fundiert und zugleich zugänglich aufzubereiten. Der Studiensaal dient dabei als konzentriertes Format für vertiefende Fragestellungen. Anstelle spektakulärer Inszenierungen setzt die kuratorische Konzeption auf analytische Präzision und kontextuelle Einordnung. Begleitende Materialien unterstützen die historische Verortung der Werke, ohne deren Eigenwirkung zu überdecken.

Gerade diese sachliche Zurückhaltung erweist sich als Stärke. Die Ausstellung vertraut auf die Aussagekraft der historischen Arbeiten und lädt dazu ein, die Entstehung visueller Stereotype kritisch nachzuvollziehen.

In einer Gegenwart, in der das Bild des Teufels häufig als popkulturelle Chiffre zirkuliert, wirkt die Rückbindung an seine kunsthistorischen Ursprünge besonders erhellend. Der Teufel – Mythos, Macht, Mysterium erweist sich als klar strukturierte, inhaltlich stringente Ausstellung, die ein traditionsreiches Motiv nicht effekthascherisch inszeniert, sondern differenziert historisch befragt und damit einen reflektierten Zugang zu einer der wirkungsmächtigsten Figuren der abendländischen Bildgeschichte eröffnet.

26.11.2025 – 26.04.2026
draiflessen.com

 
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